Der Schädelverkäufer in GERMANIA TOD IN BERLIN im August 09

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein!“ Anzunehmen, dass dieses Zitat (Marx?!) gleichsam Pate stand für dieses deutsche Stück oder auch Stück Deutschland. Die geradezu erschütternde Intelligenz und Bildung des Autors war vielleicht auch Last und Fluchtburg zugleich und gerinnt unter anderem, wahrscheinlich auch in Anspielung an den Historiker Theodor Mommsen, in der Figur des Schädelverkäufers. Es geht um Enttäuschung, den trotzigen Willen der Vorwärtsbewegung, das Erkennen, wie Vertrauensgewinn eine kalkulierte Verhandlungsmasse am Grabbeltisch der Ideologien und ihrere Protagonisten wird. Der in die deutsche Geschichte eingeschriebene Zynismus gesellschaftlicher Selbsterziehung ist Müllers Spielzeug. Und er lässt uns alle einen Totentanz feiern, weil der Drang so gross und die Einsicht so gering ist. Ein reizvoller Versuch, Heiner Müllers Stück auf die Bühne zu bringen. Ich durfte mitspielen in dieser inspirierenden Arbeit unter der Regie von Patrick Schimanski am Concordia Theater in Bremen im Juli/August diesen Jahres. Was mir bleibt, ist die persönliche Rührung darüber, wie nah sich Werk und Werkschaffender in Müllers Oevre sind, der wohl genau dies vehement ablehnen würde. Zum Beispiel sagte er mal, dass er eigentlich nicht viel Phantasie hätte, um was zu erfinden – er schriebe auf und zusammen, was da sei. Was aber auch da war, war er selbst in seiner ganz eigenen Mischung aus tiefem Blick mit feiner Sensibilität und einer fast menschenverachtend erscheinenden Ignoranz gegenüber manchen, die sein Leben zeitweise zu teilen versuchten. Was mochte er teilen und wieviel mitteilen? Der Weg eines Künstlers als Mensch, welche Rolle spielt das? Müller wirkt auch selbst sehr deutsch, in seiner Welt von vielen Menschen umringt einsam – und traurig.

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